Category Archives: Sprache

Neues aus dem Elfenbeinturm

Auf Fefes Blog bin ich auf einen Beitrag gestoßen, der sehr schön den Irrsinn zusammenfasst, der entsteht, wenn man es mit der Konstruktion gendergerechter Sprache zu weit treibt. Es geht um diesen Text hier, der so unverständliche Formen wie »dixs Studierxs« einführt, was wie folgt erklärt wird:

Wir* haben uns* für die x-Form entschieden, um Alle anzusprechen, ohne Positionierungen auszuschließen. Das x steht für die Durchkreuzung gegenderter Personenvorstellungen.

Offensichtlich hat keiner daran gedacht, dass Texte sich auch zum Vorlesen eignen sollten. Mir ist jedoch völlig unklar, wie man diese künstlichen Formen aussprechen soll. (Ganz abgesehen davon, dass man, wenn man sie ausspricht, nicht mehr zwischen Singularendungen und Pluralendungen unterscheiden kann, beide lauten dann, so wie ich es mir erschließe, /ks/.)

Was dem Ganzen aber die Krone aufsetzt, ist, dass sich der Text auch in starkem Maße für Behinderte einsetzt, indem auch solche inzwischen feststehenden, semantisch ausgeblichenen Konstrukte wie »Begriff« markiert werden, um keine Personen auszugrenzen, denen eine bestimmte Handlung (in diesem Fall greifen) nicht möglich ist. Das ganze wird dann als »Be_griff« notiert. Hier wird völlig ignoriert, dass die meisten dieser Konstrukte inzwischen zu vollkommen eigenständigen Wörtern geworden sind, deren Bedeutung sich eben nicht mehr kompositional erklären lässt. Aber das nur am Rande.

Was ich mich vielmehr frage, ist: Wenn man sich so stark für die Gleichbehandlung und Entdiskriminierung von Behinderten einsetzt: Wie soll dann ein Screenreader, auf den ja viele sehbehinderte Personen angewiesen sind,  solch völlig an den Haaren herbeigezogenen Konstruktionen wie »dixs Studierxs« aussprechen? Das ist doch wieder mal ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie man sich so dermaßen in seinen Ideologien verrennen kann, dass man den Bezug zur Realität völlig aus den Augen verliert. Oh, Verzeihung… Der Phraseologismus »aus den Augen verlieren« ist dann wohl augentechnisch auch fehl am Platz, habe ich Recht?

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Awkward Denglisch

Es gibt also an der Universität Bielefeld einen sogenannten »Bielefelder Poet in Residence«. Wirklich? Muss das so heißen? »Bielefelder Poet in Residence«? Hätte man nicht wenigstens einen Namen finden können, der nur in Deutsch oder gern auch nur in Englisch gehalten ist? Wenigstens doch ein Bildungsinstitut sollte dazu in der Lage sein. (Wenngleich es ja schon selbst seine Studierenden nicht mehr sind…)

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Heiße Luft mit krassen Termen

Wieder mal so ein toller Artikel in der Poolpropaganda:

[Die Autorin] stellt die Frage, ob das queere Anliegen einer Pluralisierung geschlechtlicher Positionen in eine ungewollte Passfähigkeit zu den Erfordernissen postfordistischer Produktion geraten ist. Soiland vertritt die These, dass die queere Kritik am Feminismus die Benennung der Anliegen von Frauen und ihre nach wie vor bestehende kollektive Betroffenheitslage ebenso wie die Artikulation eines feministischen Kollektivs verhindert.
Poolpropaganda, 7. Jahrgang, 18. KW, 14

Hääää? Selbst ich, der ich gern lange, komplexe Sätze schreibe, musste dieses Monstrum erst mehrmals lesen, um überhaupt die Chance zu haben, durchzusteigen. Offensichtlich unterliegt der Autor (oh Verzeihung!) das textproduzierende Wesen (ist das so wohl gegendert genug?) dem Irrtum, dass besonders komplex gedrechselte Sätze mit möglichst vielen Fremdwörtern gleichbedeutend sind mit besonders hoher Wissenschaftlichkeit. Dem ist nicht so — im Gegenteil. Solche Sätze sind es, bei denen ich mal wieder akute Antipathie kriege, angesichts einer solchen Inselbildung, einer Einigelei in einen exklusivistischen Elfenbeinturm von anwendungsfernen Theorien, die aus nichts weiter bestehen als heißer Luft und aus konstruierten Phrasen mit der maximal möglichen Anzahl an Fremdwörtern.

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Liken

Liebe Leute bei Facebook: Wenn ihr schon gruselige Anglizismen produzieren und »liken« als deutsches Verb in der dritten Person benutzen wollt, dann macht’s doch bitte wenigstens mit der richtigen Endung »likt« oder »liket«. Euer Favorit »liked« (im Sinne von »Wer das liked, ist doof«) ist simple past und hat mit der dritten Person an sich nichts zu tun.

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Gluten

Nachdem ich mich gestern mit Leuten mal wieder darüber gestritten habe, möchte ich Folgendes klarstellen: Euer gehyptes Klebereiweiß »Gluten« kommt vom gleichnamigen lateinischen glūten, glūtinis (n), was Leim oder Kleber bedeutet. Genau wie Omen, Hymen und Bitumen wird dieses Wort normalerweise auf der langen, vorletzten Silbe betont. Glúten. Soweit erstmal einfach und klar.

Es hat sich nun im Zusammenhang mit der Alternativernährungsbubble der letzten Jahre inzwischen eine andere, populärere Betonung eingebürgert. Wohl aufgrund der Tatsache, dass es sich um ein Stoffgemisch handelt, meinen viele neunmalkluge Leute, man müsse es aussprechen wie andere chemische Substanzen, die auf –en enden (als da wären Propylen, Isobuten oder Kollagen). Also Glutén.

Wer diesem Gedankengang folgen will, soll es meinetwegen tun, aber ich möchte es mir verbitten, dass man mir vorwirft, ich würde das Wort falsch aussprechen, denn das stimmt schlicht und einfach nicht. Ende der Durchsage.

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Die Datei

Was ich mich ja immer frage: Was hat es mit dieser sogenannten »Datei« auf sich, auf die ja immer wieder die Sprache kommt, sobald irgendwer was Böses gemacht hat, und die Polizei oder der Staat versuchen, das ganze informationstechnisch in den Griff zu bekommen? Zuletzt aktuell wurde der Begriff (mal wieder) durch die Neonazi-Vorkommnisse.

Für mich und mein Sprachverständnis ist eine Datei eine Speichereinheit auf einem Datenträger, üblicherweise mit einem Namen inkl. einer Endung (meist) zur Markierung des Dateityps versehen, und in Ordnern organisiert, und intern (beispielsweise) über Inodes organisiert.

Die Frage war dann: Was für eine Datei also erzeugen sich die Experten dann da? Zutrauen würde ich denen alles. Typisch wäre ein Word-Dokument mit Tabellen drin. Oder meinetwegen auch eine Excel-Tabelle. Auch PowerPoint hat sich in meiner bisherigen Erfahrung (durch Zwang von oben) als erstaunlich flexibel erwiesen, beispielsweise zum Setzen von A0-Postern oder um Türschilder und Wegweiser damit zu erstellen — Zitat: »Ist ja Querformat, dann nehmen wir doch am besten PowerPoint«.

Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, wie man mit so einem Ding effektiv arbeiten kann, ganz abgesehen davon, wie mehrere örtlich getrennte Einheiten damit arbeiten sollen. Vermutlich fügt jeder neue Informationen im Word-Dokument am Ende an und schickt das Ding als Email-Antwort zurück an alle anderen? Versionsverwaltung des Volkes.

Ich hätte ja eher eine Datenbank vermutet, die man entsprechend abfragen kann, aber doch keine einzelne Datei? Gerade bei den rudimentären Suchfunktionen, die es in MS Office so gibt?

Soweit nun meine Überlegungen — und dann fand ich folgenden Eintrag des Duden als Definition für »Datei«:

nach zweckmäßigen Kriterien geordneter, zur Aufbewahrung geeigneter Bestand an sachlich zusammengehörenden Belegen oder anderen Dokumenten, besonders in der Datenverarbeitung

Das passt natürlich sehr gut auf das, was offensichtlich gemeint ist, wann immer die Rede von einer Datei zur Verbrechensbekämpfung die Rede ist. Aber diese Definition scheint wohl auch für die Dateien, so wie ich sie kenne, zu gelten, jedenfalls in den Augen der Duden-Redaktion.

Da ist doch wohl eindeutig Nachbesserungsbedarf vorhanden. Oder warum sind geordnete »Belege« und »andere Dokumente« konstitutiv dafür, dass ein Bestand als Datei gilt? Es gibt Dutzende von Datei-Arten, in denen rein gar keine Belege und Dokumente enthalten sind, etwa ausführbare Programmdateien oder Konfigurationsdateien. Ich kann auch genausogut Nonsens oder überhaupt gar keinen Inhalt in eine Datei schreiben, und das Ding ist trotzdem eine Datei — nur eben eine leere, oder eine, in der der Inhalt keine Bedeutung hat.

Also, was soll das, Dudenredaktion? Nachbessern, bitte. Macht doch wenigstens zwei Lemmata daraus, wenn diese (in meinen Augen) sehr seltsame Definition der Datei als Dokumentensammlung unbedingt sein muss. Ich jedenfalls habe außer den Medien noch niemanden gehört, der »Datei« mit dieser Bedeutung benutzt hat.

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Schöner singen mit Anna Tomowa-Sintow

Du bist Klassik — du bist die Stimme. Sei individuell und spar dir einfach mal das lästige Artikulieren von Konsonanten. Das hat seinerzeit schon die große Anna Tomowa-Sintow unter »Hermann von Karajan« (Zitat Loriot) getan (wer es genau nachforschen will: In der bekannten Einspielung von Wolfgang Amadeus Mozarts »Don Giovanni« 1986), und ist damit bestens durchgekommen:

Non Mi Dir (Clip)

Merke: Aus einem lästigen, anstrengenden

Non mi dir /non.mi.dir/

machst du einfach ein locker-beschwingtes, anstrengungsfreies

Noo-ii-iir /noõ.iː.iːr/

und alle Welt wird dir verzückt zuhören!

Hab Mut und trau dich! Du bist die Oper — Du bist Anna Tomowa-Sintow!

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Der Felix, die Anni und das Virgino

In meinen Google Alerts, die ich mal nebenbei für das Projekt »Linguistic Networks« aufgesetzt habe und seitdem dann und wann mal sichte, landen seit einigen Tagen immer wieder Personen-Übersichtsseiten von so fragwürdigen Services wie yasni.de und Konsorten. Diese Dienste sammeln sich datenkrakenartig alles, was sie im Internet finden können und was auch nur ansatzweise nach personenbezogenen Informationen aussieht und erstellen dann besagte Personen-Übersichtsseiten, die dann geballte Linksammlungen darstellen. Wenn diese Systeme richtige Personen gefunden haben, und wenn sie auch den Namen die entsprechenden Identitäten richtig zuordnen können, dann haben diese Seiten eine Macht und einen Informationsgehalt, den ich gar nicht abschätzen kann und will — sei es zum Guten oder zum Bösen. Continue reading

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Ein sicheres Lebensmittel

Auf meinem (übrigens sehr leckeren und wahrscheinlich auch sehr aromatisierten) Erdbeer-Sahne-Tee steht folgendes:

Wichtiger Hinweis:
Immer mit sprudelnd kochendem Wasser übergießen und mindestens 6–8 Minuten ziehen lassen! Nur so erhalten Sie ein sicheres Lebensmittel!

Ich habe ihn aber neun Minuten ziehen lassen. Ist mein Lebensmittel jetzt nicht mehr sicher? Müssen wir jetzt alle sterben?

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Deutsche Sprache, inkonsequente Sprache

Es gibt Linguistik und Informatik, so weit, so gut. Aber: Warum heißt es eigentlich »Linguist«, aber nicht »Informat«? Oder andersherum, warum haben wir »Informatiker«, aber keine »Linguistiker«?

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